
Nora und der Mond, der fragte
Der Mond stellt Nora jede Nacht eine Frage — aber nur eine, und nur wenn sie wirklich zuhört. Nora lernt, dass die schwersten Fragen die sind, auf die man selbst die Antwort weiß.
Die Geschichte zum Lesen
Der Mond hatte angefangen, Fragen zu stellen.
Nora hatte es zuerst als Einbildung abgetan — als die Art von Gedanken, die kommen, wenn man sehr müde ist und am Fenster sitzt und nicht wirklich denkt, sondern eher gleitet. Man denkt dann Dinge, die sich anfühlen wie von außen, aber eigentlich von innen kommen. Das hatte Nora sich gesagt.
Aber die Fragen kamen jede Nacht. Immer genau eine. Nicht mehr.
Die erste war: Was hast du heute gelernt?
Nora hatte sie gehört — nicht wie Worte, eher wie ein Zug im Bauch, ein Impuls, dem man folgen musste, wie man einem Faden folgt, den man gefunden hat. Sie hatte nachgedacht. Wirklich nachgedacht, nicht schnell, sondern so, wie man nachdenkt, wenn jemand die Antwort wirklich wissen will. Was hatte sie heute gelernt? Die Lehrerin hatte etwas über Flüsse erklärt. Issa hatte ihr gezeigt, dass man eine Orange von oben schält und nicht von der Seite. Und Adam hatte zum ersten Mal ein Geräusch gemacht, das sich ein bisschen nach „Na" anhörte — was nicht Nora bedeutete, aber auch nicht nichts.
Die zweite Nacht: Was hat dich heute geärgert — und warum wirklich?
Diese Frage war schwerer. Das „wirklich" machte sie schwerer. Nora hatte sich über Issa geärgert, weil er ihren Lieblingsstift genommen hatte ohne zu fragen. Aber warum wirklich? Sie dachte nach. Nicht weil der Stift ihr liebster war — das auch. Sondern weil Issa manchmal Dinge nimmt, als wäre alles von allen, als gäbe es keine Grenzen zwischen seiner Welt und ihrer. Und manchmal stimmte das, das war schön — aber manchmal nicht, und sie wusste nicht, wie sie das sagen sollte, ohne dass es falsch klang.
Und dann noch tiefer — weil der Mond eine Frage gestellt hatte, die tief genug war für mehr als eine Ebene: Nora war manchmal neidisch auf Issa. Nicht auf den Stift. Auf seine Leichtigkeit. Die Art, wie er einfach nahm, was er wollte, ohne nachzudenken, ob er durfte. Nora dachte immer erst nach. Nora fragte immer erst. Das war manchmal gut und manchmal erschöpfend.
Das war die echte Antwort. Viel schwerer als die erste.
So ging es weiter. Jeden Abend eine Frage. Manchmal einfach, manchmal so, dass Nora lange am Fenster saß, den Mond anschaute und langsam antwortete — nicht laut, nicht in Worten, eher im Gefühl von etwas, das sich sortierte.
An einem Abend rief sie Issa.
„Hörst du das?", fragte sie.
Issa stand neben ihr am Fenster. Er war ruhig — Issa war selten ruhig, aber manchmal, in bestimmten Momenten, hörte er in etwas hinein, das er nicht benennen konnte. Er horchte. Dann sagte er: „Eine Frage."
„Du hörst es auch?"
„Ich höre: Was möchtest du, dass Adam über dich weiß, wenn er groß ist?"
Nora schluckte. Das war die größte Frage, die der Mond bisher gestellt hatte. Nicht groß im Sinne von schwer — groß im Sinne von: Diese Antwort ist wichtig. Diese Antwort wird irgendwo bleiben.
Sie dachten beide nach. Lange. Der Mond wartete. Er konnte warten.
Issa sagte zuerst — leise, nicht sicher, ob er laut denken wollte, aber es trotzdem tun: „Ich möchte, dass Adam weiß, dass ich da war. Dass ich bei ihm war, als er noch so klein war, dass er sich nicht erinnern kann. Und dass ich immer noch da sein werde. Auch wenn wir uns manchmal streiten."
Nora schaute ihn an.
Dann: „Ich möchte, dass Adam weiß, dass ich manchmal Angst hatte und es trotzdem gemacht habe. Damit er weiß, dass das geht. Dass man Angst haben kann und trotzdem." Sie pausierte. „Damit er es auch weiß, wenn er Angst hat."
Der Mond schien. Keine Antwort. Keine Bestätigung. Nur Mondlicht, das still und vollständig war, wie eine Stille nach einem richtigen Wort.
Die Fragen kamen weiter. In den nächsten Wochen stellte der Mond Fragen, die Nora manchmal sofort beantworten konnte und manchmal gar nicht — und dann ließ sie die Frage in sich stehen, wie man ein Glas stehen lässt, in das man etwas hineinstellt, das Zeit braucht.
Wer bist du, wenn niemand zuschaut?
Nora blieb lange am Fenster an diesem Abend. Issa schlief. Adam schlief. Das ganze Haus schlief.
Wer bin ich, wenn niemand zuschaut? Wenn Mama und Papa nicht schauen, wenn die Lehrerin nicht schaut, wenn Issa nicht schaut, wenn Adam nicht schaut?
Dann bin ich jemand, der am Fenster sitzt und dem Mond zuhört.
Dann bin ich jemand, der nachdenkt, auch wenn es anstrengend ist und keiner sieht, dass sie es tut.
Dann bin ich jemand, der manchmal traurig ist und nicht weiß warum, und das zulässt, weil das dazugehört.
Dann bin ich jemand, der nachts für ihren kleinen Bruder das Licht anlässt und tagsüber so tut, als wäre das keine große Sache — aber es ist eine, weil man manchmal freundlich ist, ohne zu merken, dass man es ist.
Dann bin ich: Nora.
Das war nicht das Ende der Antwort. Die Frage war groß genug für viele, und Nora gab sich Zeit.
Dann bin ich jemand, der gerne liest — nicht immer die richtigen Bücher, manchmal Bücher, die zu einfach sind, aber trotzdem.
Dann bin ich jemand, der sich manchmal schämt, ohne genau zu wissen warum — und das dann einfach vorbeigeht, wenn man nicht zu lange daran denkt.
Dann bin ich jemand, der Issa manchmal lästig findet und ihn gleichzeitig vermisst, wenn er nicht da ist. Das war der merkwürdigste Widerspruch, dem Nora je begegnet war. Aber er war wahr.
Dann bin ich jemand, dem Adam das Herz wärmer macht, jedes Mal, immer wieder, ohne es zu versuchen.
Das war viel für jemanden, der gerade sieben war. Aber der Mond fragte jeden Abend, und Nora antwortete jeden Abend, und mit der Zeit wurde die Antwort voller und genauer und vertrauter. Wie ein Bild, das man mit vielen kleinen Strichen zeichnet — keiner allein macht viel, aber zusammen entsteht ein Gesicht.
Das war die einfachste und schwerste Antwort.
Der Mond leuchtete.
Nora ging zu Adams Zimmer und öffnete die Tür einen Spalt. Er schlief. Die kleinen Hände, die runden Hände, auf der Matratze geöffnet — als würde er im Schlaf etwas empfangen, das man nicht sehen kann.
Nora flüsterte: „Ich bin deine Schwester. Auch wenn du jetzt noch nicht weißt, was das alles bedeutet. Ich bin hier, und ich werde da sein, auch wenn ich manchmal nicht in der Nähe bin. Das ist, was Schwestern sind."
Adam seufzte. Ein vollständiger, runder Atemzug, der klang wie: gehört.
Das war genug.
Nora legte sich ins Bett. Der Mond schaute durch ihr Fenster — wie immer, rund und still und da. Morgen würde er eine neue Frage haben. Und Nora würde nachdenken. Ehrlich, langsam, ohne Eile.
Sie fragte sich kurz, was er morgen fragen würde. Vielleicht: Wofür bist du dankbar, das du selten aussprichst? Oder: Was fürchtest du, das gar nicht so schlimm ist, wie du denkst? Oder etwas ganz anderes — etwas, das sie nicht vorhersagen konnte, weil die besten Fragen immer die sind, mit denen man nicht rechnet.
Das war ihr liebstes Abendritual geworden. Nicht die Antworten. Das Nachdenken.
Gute Nacht, Nora. Gute Nacht, Issa. Gute Nacht, Adam. Morgen fragt der Mond wieder. Ihr wisst die Antworten schon. Gute Nacht.
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