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Nora und die Mondtreppe
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Nora und die Mondtreppe

9:58 Min4-8

Jede Nacht erscheint für genau fünf Minuten eine unsichtbare Treppe, die bis zum Mond führt. Nora findet sie als erste — und entdeckt, was der Mond tagsüber macht, wenn niemand ihn sieht.

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Die Geschichte zum Lesen

Nora hatte schon immer das Gefühl, dass der Mond nah war.

Nicht einfach nah wie der Himmel nah ist — sondern nah wie etwas, das man anfassen könnte, wenn man nur wüsste wie. Andere Kinder fanden den Mond interessant oder schön oder groß. Nora fand ihn vertraut. Wenn sie abends am Fenster stand, sah er manchmal so aus, als würde er zurückschauen. Als würde er warten. Als hätte er etwas zu sagen, und würde nur auf den richtigen Moment warten.

An dem Abend, als Nora sieben wurde — genau sieben, und zwar seit genau sieben Minuten — streckte sie die Hand aus dem Fenster. Kalt. Nacht. Der Mond draußen war rund und vollständig. Und dann: etwas Festes.

Eine Stufe.

Nora blinzelte. Da war nichts — wenn man hinschaute, war da nur Luft. Und doch war da etwas: unsichtbar, aber fest, direkt unter ihrer Hand, kalt wie Mondlicht, das gefroren war. Sie streckte den Fuß hinaus. Und der Fuß trat auf etwas Solides.

Eine Treppe. Eine unsichtbare Mondtreppe, die im Nichts begann und irgendwo oben endete, wo nur der Mond war.

Nora stieg hinauf.

Issa hatte sie durch den Türspalt beobachtet. Er war fünf und schlief grundsätzlich nicht vor zehn, auch wenn er immer so tat als ob. Er hatte im Dunkeln gelegen, auf die Decke gestarrt, und dann das leise Geräusch von Noras Schritten auf etwas gehört, das keine Treppe war. Er schlüpfte aus dem Bett, schlich durchs Zimmer und kletterte ebenfalls auf das Fensterbrett.

„Warte auf mich," flüsterte er.

„Shh," sagte Nora, aber sie wartete.

Die Treppe führte hoch und höher und noch höher. Man sah die Stufen nicht, man spürte sie — und man musste darauf vertrauen, dass die nächste da war. Nora entdeckte, dass Vertrauen in unsichtbare Dinge leichter wurde, je höher man stieg. Als wäre die Höhe selbst ein Beweis, dass etwas einen trug.

Unter ihnen wurde die Welt klein — die Straßen wie leuchtende Linien, die Häuser wie Schuhkartons, die Autos wie Käfer mit gelben Augen. Baby Adam lag irgendwo da unten in seinem warmen Bett. Nora dachte kurz daran — das warme Nachtlicht, sein leises Schnarchen, das eigentlich kein Schnarchen war sondern ein Summen — und fühlte sich gleichzeitig weit weg und sehr nah.

Dann war der Mond größer als alles andere. Er war nicht silber, wie er von unten aussah. Er war mehr — weißgold an den Rändern, rosagrau in den Tälern, und an einer Stelle, wo ein tiefer Krater war, fast blau wie das Innere einer Muschel. Er roch. Nora hätte nicht erwartet, dass der Mond riecht, aber er tat es: sauber und kalt und ein bisschen wie frisch gefallener Schnee auf einer Wiese weit von der Stadt.

Auf der Oberfläche stand eine Frau.

Sie war groß, trug ein langes helles Kleid, das sich in einem Wind bewegte, den man nicht erklären konnte — auf dem Mond gibt es keinen Wind, und doch war hier einer — und ihr Haar, das silberweiß war, flatterte sanft um ihre Schultern. Sie polierte etwas. Einen runden, leuchtenden Stein — etwas kleiner als Noras Kopf — und wischte ihn mit einem weichen Tuch ab, mit kleinen kreisenden Bewegungen, die aussahen wie jemand, der sehr zufrieden mit seiner Arbeit ist.

„Ich wusste, dass jemand kommt," sagte die Frau, ohne aufzusehen. „Zu jedem Geburtstag kommt jemand. Kommt nur selten vor, dass jemand genau weiß, wann die Treppe da ist."

„Wann ist sie da?", fragte Issa sofort.

„Fünf Minuten pro Nacht. Genau nach Mitternacht. Meistens findet sie niemand. Die meisten schlafen. Manche schauen nicht hin. Manche schauen hin, aber sie suchen nicht, und das ist nicht dasselbe wie schauen."

„Ich habe sie gefühlt," sagte Nora. „Nicht gesehen. Gefühlt."

„Ja." Die Frau hörte auf zu polieren und schaute Nora an. Ihre Augen waren so groß und klar, dass Nora darin einen Moment lang sich selbst sah — nicht wie in einem Spiegel, sondern wie von weit oben. „Manche Kinder können das. Nicht viele. Aber manche."

Die Mondfrau — so nannte sie sich, schlicht und ohne Erklärung — erzählte, während sie weiter polierte. Ihre Arbeit: den Mond sauber halten. Jeden Abend polieren, damit das Mondlicht klar und rein auf die Erde fällt. Die Krater in Ordnung halten — Steine und Meteore fallen manchmal rein und hinterlassen Risse, und die muss man ausbessern, sonst wirft das Mondlicht Schatten, die es nicht geben sollte. Und dafür sorgen, dass der Mond jeden Abend pünktlich aufgeht.

„Das klingt nach viel Arbeit," sagte Nora.

„Es ist mehr Arbeit, als man denkt. Der Mond ist groß. Viel größer als er von unten aussieht. Und er wird älter, wie alles wird älter. Manche Stellen werden dünner. Da muss man sehr vorsichtig sein."

„Was machst du tagsüber?", fragte Nora. „Wenn der Mond nicht zu sehen ist?"

Die Mondfrau lächelte — ein Lächeln, das langsam kam und dann sehr weit wurde. „Ruhen. Und träumen. Ich träume von allen Kindern, die in der Nacht zuvor raufgeschaut haben. Von allen, die gewünscht haben — auch wenn sie nicht wussten, dass sie wünschten. Von den kleinen und von den großen. Von denen, die zum ersten Mal schauten, und von denen, die schon hundert Mal geschaut haben und immer noch staunen."

„Träumst du auch von Babys?", fragte Nora. Sie dachte an Adam — an seine Art, den Mond anzustarren, wenn er von Mamas Arm aus nach draußen schaute, als wäre der Mond das erstaunlichste Ding, das er je gesehen hatte. Was er wahrscheinlich auch war.

„Von Babys träume ich am meisten," sagte die Mondfrau leise. „Sie sehen ihn am reinsten. Ohne Worte. Ohne Erklärungen. Nur Licht, das leuchtet, und ein Wesen, das es sieht. Mehr braucht es nicht."

Sie schenkten ihr viel Zeit. Die Mondfrau zeigte Nora, wie man einen Mondstein hält — mit beiden Händen, ganz flach, die Handflächen nach oben — und wie das Licht dann durch die Haut scheint und die Knochen für einen Moment sichtbar macht wie Äste hinter einem dünnen Stück Papier. Issa versuchte es auch und rief: „Ich sehe meine Finger von innen!"

Sie lernten, wie man Mondlicht poliert, wie man die Krater vermisst, und warum manche Nächte heller sind als andere — nicht weil die Wolken weg sind, sondern weil der Mond gerade besonders gut poliert ist. Die Mondfrau erzählte Geschichten von Kindern, die in früheren Jahrhunderten auf derselben unsichtbaren Treppe gestiegen waren, und was sie gesagt hatten und was sie gefragt hatten. Manche Fragen kamen immer wieder: Ist der Mond allein? — Nein, er hat mich. Schläft der Mond? — Nein, er leuchtete auch, wenn du schläfst. Wer hat ihn dorthin gesetzt? — Das ist eine Frage für jemanden, der größer ist als ich.

Dann sagte die Mondfrau: „Die Treppe geht bald weg."

Sie stiegen hinab. Schnell diesmal — Issa rutschte halb, Nora zog ihn. Die letzte Stufe verschwand unter ihren Füßen, als sie den Fenstersims wieder berührten.

Im Zimmer war es still. Baby Adam schlief mit seinem typischen kleinen Schlafgeräusch — kein richtiges Schnarchen, eher ein tiefes, regelmäßiges Summen, das klang wie eine sehr kleine Maschine, die sehr zufrieden mit ihrer Arbeit ist. Nora blieb einen Moment in der Tür zu seinem Zimmer stehen und schaute ihn an.

Der Mond schien durch sein Fenster. Genau auf sein Gesicht.

Frisch poliert. Klar und rein. Für ihn.

Nora wusste das jetzt.

Sie legte sich ins Bett und schaute durch das Fenster. Der Mond hing dort, rund und still, und schaute zurück. Wie immer. Und ein bisschen mehr als immer — als hätte jemand oben das Tuch noch einmal kurz drübergewischt, genau an der richtigen Stelle.

Gute Nacht, Nora. Gute Nacht, Issa. Gute Nacht, kleiner Adam. Der Mond träumt von euch.

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