Alle Geschichten
Nora und die Wolkenbäckerin
🧚 MärchenKostenlos

Nora und die Wolkenbäckerin

9:54 Min4-8

Nora riecht morgens manchmal Brot in den Wolken. Als sie Issa davon erzählt, entdecken sie gemeinsam eine Bäckerei in einer Gewitterwolke — wo die Morgenluft für alle gebacken wird.

Teilen:

Die Geschichte zum Lesen

Nora roch es zuerst.

Nicht jeden Morgen. Nur manchmal, wenn das Wetter sich veränderte und die Wolken besonders tief hingen und die Luft diesen besonderen Geruch hatte, den man nicht benennen kann, aber sofort erkennt — den Geruch kurz vor dem Regen, wenn Elektrizität in der Luft ist und die Erde sich darauf vorbereitet, nass zu werden. In diesen Momenten, wenn Nora aus dem Küchenfenster schaute, roch sie manchmal: Brot. Frisches, warmes Brot. Als wäre eine Bäckerei sehr nah — nicht Herrn Yildiz' Bäckerei zwei Straßen weiter, die nach Sesam und Walnuss roch, sondern etwas Helleres, Süßeres.

Sie erzählte es Issa.

Issa glaubte ihr nicht.

„Brot kommt nicht aus Wolken," sagte er mit der Bestimmtheit von jemandem, der fünf ist und über bestimmte Dinge sehr sicher ist.

„Ich rieche es trotzdem."

„Dann ist es Herrn Yildiz."

„Herrn Yildiz riecht nach Sesam. Das hier ist anders. Heller. Süßer. Wie Hefeteig, wenn er aufgeht."

Issa schaute sie an. Er war nicht überzeugt. Aber er hatte gelernt, dass Nora manchmal Dinge roch und sah und hörte, die er dann nachher auch roch und sah und hörte — wenn er sich die Mühe machte, genauer hinzuschauen.

An dem Abend, als die Wolken besonders groß und besonders dunkel waren — Gewitterwolken, die sich türmten wie Berge aus grauem Fleece, einer über dem anderen, immer höher — sah Nora durch das Fenster ein Licht in einer der Wolken. Kein Blitz. Kein Flackern. Ein warmgelbes, ruhiges, konstantes Licht, das von innen kam.

Und sie roch: Brot.

„Jetzt glaube ich dir," sagte Issa, der neben ihr stand.

Sie fanden einen Weg hinauf — durch das Dachfenster, das an diesem Abend einfach aufging, und über eine Leiter, die immer da gewesen war, aber an diesem Abend besonders einladend aussah, als wäre sie frisch geölt und auf jemanden wartend. Und von der Dachkante aus waren die Wolken plötzlich erreichbar: dicht und warm — nicht wie Wolken normalerweise sind, sondern wie Atem über einem Suppentopf, nährend und warm.

Die Bäckerei war in einer Wolke, die aussah wie ein besonders aufgebauschter Sessel, breiter als alle anderen, und von innen leuchtend. Die Tür war aus kondensiertem Nebel — man sah die Tür, wenn man nicht direkt hinschaute — und Nora drückte sie auf.

Innen war ein Ofen so groß wie ein kleines Haus. Keine Flamme wie bei normalen Öfen, sondern ein leuchtendes, warmes Glühen von innen. Davor stand eine Frau in einer weißen Schürze, mehlige Hände, das Haar grau-weiß und zurückgesteckt, und sie formte gerade etwas, das aussah wie eine Brötchenform — aber war es keins. Es war eine Wolkenform. Klein, rund, aufgebauscht, und sie legte es auf ein Backblech, das sich dann wie von Geisterhand in den Ofen schob.

„Habt ihr das Brot gerochen?", fragte sie, ohne sich umzudrehen.

„Ja," sagte Nora. „Schon oft."

Die Frau drehte sich um. Ihr Gesicht war warm und rund und hatte viele Falten, alle an freundlichen Stellen. Sie sah aus wie jemand, bei dem man gerne sitzt.

„Was bäckst du?", fragte Issa.

„Morgen," sagte die Frau. „Genauer: Morgenluft. Ich backe die Luft für den nächsten Tag. Das, was Menschen morgen früh riechen werden, wenn sie das Fenster aufmachen. Die meisten denken, Morgenluft entsteht einfach — sie ist halt da. Aber jemand muss sie backen. Jeden Tag. Frisch."

Issa schaute in den Ofen. Das Leuchten war warm, nicht heiß — man konnte sich davor stellen, ohne zu schwitzen. Und die Formen auf dem Blech veränderten sich: rund, dann lang, dann etwas, das fast wie ein Wort aussah.

„Verschiedene Sorten," erklärte die Wolkenbäckerin und zeigte. „Das ist der Geruch nach dem ersten Regen auf heißem Sommerstein. Das gibt es nur in bestimmten Städten, in bestimmten Jahreszeiten — heute brauche ich ihn für eine Stadt im Süden. Das hier ist der Geruch nach Kaffee durch ein offenes Nachbarfenster — das ist für die Menschen, die morgen früh aufwachen und sich wünschen, jemand würde für sie kochen, ohne dass sie fragen müssen."

Sie zeigte auf das letzte Stück. „Und das ist Babyhaare nach dem Bad."

Nora schluckte.

„Das ist für euch," sagte die Wolkenbäckerin. „Für euer Haus. Für Adam."

Sie durften backen. Die Wolkenbäckerin zeigte, wie man Morgenluft formt — mit leichten Händen, nicht drücken, nur halten und eine Form geben. Man muss sich genau vorstellen, wie es riechen soll. Nicht ungenau, nicht ungefähr — genau. Die Hände folgen dem Geruch, der schon da ist, man holt ihn nur heraus.

Nora machte die Luft nach Regen auf heißem Stein. Sie stellte sich vor, wie das war — das Zischen, wenn der erste Tropfen fällt, und dann dieser Geruch, der von überall aufsteigt. Nicht nur von unten, sondern von überall gleichzeitig: von den Steinen, von den Baumstämmen, von der Erde, die den ganzen Sommer gewartet hat. Die Wolkenbäckerin nickte und sagte: gut. Dann: „Weißt du, was du da gerade gemacht hast? Du hast nicht versucht, den Geruch zu beschreiben. Du hast ihn erlebt. Das ist der Unterschied." Sie zeigte auf den kleinen Teig in Noras Händen, der jetzt tatsächlich leicht roch nach jenem Geruch — nach Regen auf Stein. „Genau das wird morgen früh irgendwo in der Luft sein. Wegen dir."

Issa machte die Luft nach Fußball und Gras. Er musste sehr lange nachdenken, die Zunge rausstrecken, und das Ergebnis war — so sagte die Wolkenbäckerin — ungewöhnlich aber ehrlich.

Sie fragte, was noch auf dem Plan stand für die Nacht. Die Wolkenbäckerin öffnete ein kleines dickes Heft mit grau-weißen Seiten und las vor: die Luft für den Moment, wenn ein Kind morgen früh aufwacht und durchs Fenster schaut und der Schnee endlich gefallen ist — auf den es seit Wochen gewartet hatte. Die Luft für einen alten Bahnhof, an dem morgen früh ein Zug ankommen wird, den jemand lange erwartet hat: dieser besondere Geruch von Ankünften, von Wiedersehen.

Und dann: die Luft für einen ganz normalen Morgen.

„Das ist die schwierigste Bestellung," sagte die Wolkenbäckerin. „Normale Morgen. Die meisten denken, die entstehen von selbst. Aber gerade normale Morgen brauchen die meiste Sorgfalt. Wenn ein normaler Morgen gut riecht — wenn er sich nach Möglichkeit anfühlt, auch ohne besondere Pläne — dann hat jemand sehr sorgfältig gebacken."

Issa dachte nach. „Ich mag normale Morgen manchmal am liebsten," sagte er. „Wenn nichts ist. Wenn man einfach frühstückt und es kein Plan ist."

„Genau das," sagte die Wolkenbäckerin. „Genau wegen solcher Morgen."

Auf dem Weg zurück roch die Nachtluft voller. Reicher. Als hätte jemand gerade eine Tür zu einem warmen Ort aufgemacht und die Luft zieht durch.

Adam war wach, als sie hereinkamen. Seltsam wach für diese Zeit — ruhig und mit großen Augen, als hätte jemand ihn aufgeweckt, aber auf eine sanfte Art. Er hatte die Hände geöffnet, die kleinen Finger gespreizt wie jemand, der etwas auffangen will. Er schaute zur Decke und dann zu Nora, und in seinem Gesicht lag diese bestimmte Art von Staunen, die Babys haben, wenn sie etwas kennen, aber es immer noch merkwürdig finden, dass es da ist.

Er sah Nora und streckte die Arme aus. Nora hob ihn auf.

Er war warm und schwer und roch nach Babyhaaren nach dem Bad. Frisch gebacken. Für heute Nacht.

Gute Nacht, Nora. Gute Nacht, Issa. Morgen riecht die Welt nach frischem Anfang. Gute Nacht, Adam.

· 9:54 Min Min. Audio

Mehr aus Märchen